Natürlich stand diesmal der Besuch meiner Schwiegereltern im Süden Chinas auf dem Programm und so flogen wir Samstag Abends nach Fuzhou. Im Flughafen in Beijing gab es dann eine kleine Überraschung, ich sah einen Burger King in China, den wir auch dann gleich für einen kleinen Test aufsuchten. Nach einer Stärkung ging es durch die Sicherheitsschecks und wir warteten aufs Flugzeug. Air China setzt auf Inlandsflügen sehr kleine Airbusse und Boeings ein, was ein ungewohntes Gefühl ist. Das Essen war wie immer miserabel, aber man überlebt es. Der 2-stündige Flug stellte sich als etwas ungemütlich heraus, was nicht an der doch sehr guten Beinfreiheit, sondern eher an den Luftlöchern lag. Shouyan hatte Angst, ich war etwas genervt, weil ich nicht an mein Notebook konnte, aber 2 Stunden sind ja auch nicht so lang.
Shouyans Vater hatte sich um einen Abholservice gekümmert, der uns von dem etwas außerhalb gelegenen Flughafen abholen sollte. Die ersten südchinesischen Kuriositäten gab es gleich auf der Fahrt zum Hotel. Sogleich wurde ich gewahr, dass man im Süden Chinas anders Auto zu fahren pflegt, als in Beijing. Es wird einfach nur wild gerast, nachdem ich mich daran gewöhnt hatte wunderte ich mich, warum er bei sehr wenig Verkehr dauernd hupte wie verrückt. Die Erklärung ist folgende: Es gibt viele Seitenstraßen, aus denen viele Fuzhouer des nachts herauszulaufen pflegen und jene warnt man praktischerweise mit Gehupe vor der Seitenstraße. Des weiteren viel mir auf, dass immens viele bunte Lichter an allen möglichen Gebäuden etc. gibt. Shouyan erklärte mir, dass man im Süden, trotz hoher Strompreise, sich sehr für vielerlei verschiedene Lichter begeistern kann. Das Geblinke und Geblitze wirkte zuerst etwas befremdlich, aber einige Sachen sahen wirklich gut aus und nicht so kitschig, wie ich das erwartet hätte. Unser Hotel war nicht schlecht, es gab alles wichtige, nebst einem großen Teller voller Früchte, den die Eltern von Shouyan auf unser Zimmer hatten bringen lassen.
Am nächsten Morgen erwartete uns ein recht ungenießbares Frühstück, von dem ich mich rückblicken lieber ganz fern gehalten hätte. Ein kurzer Spaziergang folge und ich konnte erste Eindrücke von Fuzhou am Tage gewinnen. Fuzhou hat 6 Millionen Einwohner und ist damit eine mittelgroße chinesische Stadt. Anders als in Peking oder etwa Berlin fühlt es sich aber nicht wie eine Stadt mit so vielen Einwohnern an. Die Stadt ist umringt von grünen Wälder, die unbebergte Seite wird vom Meer geöffnet, frische Meeresluft weht durch die Stadt und die Straßen sind gesäumt von Mangobäumen. Es ist dort meistens recht warm und feucht, für Europäer kommen gleich Assoziationen aus Sommerurlauben ins Bewusstsein, eine wirklich nette Stadt. Ein ganz anderes Gefühl als im staubigen grauen Beton-Beijing. Anders als dort, ist man aber überhaupt nicht an Ausländer gewöhnt und wird ständig wie ein Alien begutachtet. Die Südchinesen sind kleiner als die im Norden und so konnte ich mühelos über alle hinwegsehen und sah in den Straßen eine Masse an schwarzbeharrten Köpfen auf und ab schwingen. Überall wo ich meinen Blick hinschweifen ließ, schauten mich 2 neugierige Augenpaare an. Anfänglich ganz lustig, später etwas irritierend und nervig, da ich mir die Stadt und nicht die ganzen Mädchen anschauen wollte. Einige drehten sich mehrmals zu mir um, eine Frau lief an mir vorbei um dann sich zweimal umzudrehen und mich von oben bis unten zu mustern, ein mit dem Fahrrad unterwegs gewesener Herr fuhr fast gegen den Bordstein, da er beim Umdrehen den Lenker verriß. Eine etwas bizarre Situation.
Mit dem Taxi (günstiger als in Beijing, nur 7 Yuan für die ersten 3 oder 4 Kilometer und 1,5 für jeden weiteren, 1 Yuan entspricht etwa 10 Cent) ging es dann zu Shouyans Eltern. Von außen wirkte das Haus etwas sanierungsbedürftig, innen war es jedoch sehr ordentlich und geschmackvoll eingerichtet. Shouyans Vater begrüßte mich herzlich mit offen Armen und „Ke lao si“. Ein paar „Ni haos“ und Händeschütteln später waren wir in der Wohnung der Eltern, Shouyans Mutter organisierte mir die größten Hausschuhe, die natürlich immer noch viel zu klein waren. Es gab gleich erstmal leckeren Tee und ich konnte die vielen Steine und das große Holzschiff im Wohnzimmer bestaunen. Überrascht war man, dass ich Chinesisch sprach, wenn auch nicht viel, aber was ich sagte, passte und war korrekt ausgesprochen. Shouyans Vater meinte, mein Mandarin sei besser als seins, ich verstand ihn aber recht schnell. Das Südchinesische ist etwas weicher als das nördliche. Man spricht viel Dialekt, von dem ich leider nicht viel verstehen konnte.

Bei Shouyans Eltern durfte ich (immer noch gesättigt von dem schlechten Frühstück) gleich mich an einen großen Kuchen machen. Er schmeckte wirklich gut und nun war ich richtig satt. Aber es gibt jetzt erst richtig los: Shouyans Vater verschwand kurz in der Küche, auch ihre Mutter verschwand und wir schauten uns im Fernsehen etwas Jingju, Peking-Oper, an. Kurz darauf saßen wir wieder am Tisch und ich musste ein Gericht probieren. Gespannt wartete man auf mein “hao chi”, was so viel wie “schmeckt gut” bedeutet. Es folgte das nächste Gericht, warten, “hao chi” und Vater Jiang verschwand wieder zufrieden in der Küche um sogleich mit dem nächsten Gerichten wiederzukehren. Ich aß und aß und viele “hao chi”s später war ich so extrem satt, dass mir der Bauch weh tat. Shouyans Vater, Shouyan und ich besuchten einen sehr schönen See, der nur wenige Minuten mit dem Auto weglag. Erstaunlich, waren wir doch mitten in der Stadt. Nach der kurzen Autofahrt waren wir an einem recht großen See mit Palmen, Wald und Villen. Wir besuchten noch Shouyans alte Schule und liefen mit Ying Zhao durch die Stadt.
Am Abend durfte ich dann zum Essen mit mehr Verwandschaft. Wir aßen im fünften Stock eines Restaurants, mit eigenem Raum, eigener Toilette, eigener Klima und Fernseher, sowie eigenem Personal. Wir waren eine Gruppe von neun Personen, Onkels, Tanten, wir und ein Neffe. Jeder begrüßte mich sehr freundlich und es ging zügig ans Essen. Ich war immer noch furchtbar gefüllt von dem mittäglichen Gelage. Jede (vegetarische) Speise musste erst von mir verköstigt werden, man wartete, “hao chi”, entspanntes Lächeln und Lob für meine Stäbchenkünste.
Ich denke, es dürfte klar sein, dass ich am Abend wie ein geplatzter Koffer mit offener Hose mich auf mein Bett fallen lies und nach Luft japste. Das war einfach zuviel Essen.
Am nächsten Tag wurden wir bei Shouyans Eltern noch mit einem Koffer(!) voller Essen und einigen Tüten voll Nahrung versorgt, die wir schön im Flugzeug nach Peking schleppten.